Freitag, 31. August 2012

Exkursion nach Kroatien Teil 3

Tag 2: Entdeckereuphorien
5:00 Uhr morgens weckte mich meine Blase. Notgedrungen machte ich mich auf den Weg zur öffentlichen Toilette, ich wollte niemanden aus den Containern wecken. Jemand hatte über Nacht das Licht komplett angelassen und so hatten sich dort nun um die mehrere tausend Tierchen versammelt, denen ich liebevoll den Namen “Scheißhausmotte” oder auf lateinisch Merdadomus blattacus gab. In Wirklichkeit war es wohl nur eine Sorte Wachsmotten, leider kam ich nicht dazu die Viecher zu fotographieren und/oder zu bestimmen. Irgendwie kam ich nicht auf die Idee, die Kamera mit aufs Klo zu nehmen.
Jedenfalls ging ich unter der Türschwelle hindurch und vor mir hob ein Schwarm von diesen Viechern ab und flog kopflos gegen die Deckenlampe, mehrere Male. Es klackerte dementsprechend. Ich sah vom Eingang aus, dass die Population sich auch großzügig in den drei Klokabinen breit gemacht hatte. Mein Ekelsinn verbat es mir, weiterzugehen. Aber meine Blase und der Umstand, dass man als Biologe diesen Ekelsinn irgendwann lernt zu umgehen, ermöglichten es mir, mein Lieblingsklo zu betreten und zu benutzen. Die Scheißhausmotten beobachteten mich, irgendwo im Eck hockte eine Stechmücke. Aber sie blieben brav an den Wänden sitzen und nicht auf mir, nur ganz oben schwirrten ein paar Exemplare um das Licht. Beim Hinausgehen schaltete ich das Licht in meinem Lieblingsklo in weiser Voraussicht ab und ging zurück zum Zelt um noch eine Stunde weiter zu schlafen.
Tobi und ich waren an diesem Tag Aufdeckdienst aber ich machte fast alles alleine, da Tobi… verhindert war. So ganz alleine versemmelte ich es ein wenig, die Wegzehrung alias das Mittagessen zu verpacken. Irgendwann waren endlich alle fertig und alles was wir brauchten in den Autos. Wir fuhren los zum Strand an der Cisterna.
Cisternastrand
Bevor wir uns tatsächlich an den Strand bewegten, bewegten wir uns zuerst zum Namensgeber: Hier steht nämlich ein alter, römischer Wasserspeicher, immernoch daran erkennbar, dass erstens Wasser darin ist und er zweitens aus charakteristischem Römerbeton gebaut ist. Es folgte ein interessanter Exkurs in die ziemlich verwickelte Geschichte Istriens und seiner Besatzer. Kurz und knackig kann man sagen, dass dieser hübsche Landstrich in den letzten zwei bis dreitausend Jahren so ziemlich jedem Mal gehört hat, wer mehr darüber wissen will, sehe sich hier um. Nebenbei erwähnt ging es hier u.a. in den zwei Weltkriegen, was Minderheitenschikanierung und Völkermorde angeht, auch ganz schön rund. Denselbigen Zankereien ist es auch zu verdanken, wie die Gegend hier derzeit aussieht, da sich teilweise immernoch drum gestritten wird, wem nun was gehört: Verlassene Ölplantagen, teilweise noch von den Römern gegründet, zwischen den Olivenbäumen wilde, artenreiche Wiesen und hier und da zurückkehrendes, wildes Gebüsch. Der Fachmann sagt zu dieser Gegend je nach Ausprägung Macchie oder Garigue.
Am Ende dieses Vortrags gingen wir noch mit dem Kescher durch das von Wasserlinsen bedeckte Wasser. Denen verdankte die Zisterne wohl, dass sie auch nach drei Monaten völliger Trockenheit noch nicht ausgetrocknet war. Auf anderen Exkursionen hatte man hier schon Ringelnattern und Fische herausgezogen. Wir fanden die Larve einer Waffenfliege.
Waffenfliegenlarve mit Wasserlinsen
Unsere Exkursionsleiter verabschiedeten sich nun zwischenzeitlich von uns, sie mussten noch einige Dinge erledigen wie z.B. einkaufen und noch einmal die Vorhaben der nächsten Tage vor Ort klar machen. Wir sollten solange die Bucht erkunden, damit später effektiv Sammelmaterial in unsere Behältnisse wandern konnte. Gesagt, getan. Teile der Gruppe machten sogar regelrechte Führungen miteinander.
Die Bucht konnte man grob in 3 Lebensräume einteilen:
1. Steiniger Untergrund mit Algenbewuchs, vorkommend bis 10m um die Ufer herum
2. Sandboden, etwa in der Mitte der Bucht
3. Sandboden mit Seegraswiese
Auf dem steinigen Untergrund wuchsen diverse Algen, drei davon habe ich in einem Bild zusammengefasst:
Algen
Bei Nummer 1 handelt es sich um die Pfennigalge Halimeda tuna. Wie die Farbe verrät, gehört sie zu den Grünalgen und charakteristisch für sie sind diese rundlichen, abgeflachten Blattkörper. (Bild aus Wikipedia). Eine weitere dort wachsende Grünalge ist die Seetraube Valonia utricularis, die ein bisschen so aussieht wie ein kleiner, grüner, mit Wasser aufgeblasener Luftballon.
Nummer 2&3 gehören zu den Braunalgen. 2 heißt Trichteralge Padina pavonica zeichnet sich dadurch aus, dass sie unter Wasser aussieht, wie kleine weiß bis hellbraune Fächerchen. Bei 3 handelt es sich um eine Art aus der schwer bestimmbaren Gattung Cystoseira. Sie wächst wie auf dem Bild am liebsten in Büscheln von rötlich-brauner Farbe (oder weiß wenn abgestorben) und hat einen leicht gabeligen, knorpeligen Wuchs. Und sie fühlt sich recht kuschelig an ;)
Das tierische Angebot reichte hier von diversen Einsiedlerkrebsen in ihren Häuschen, Porzellankrabben und den charakteristischen Fischsorten in Richtung Brassen, Grundeln und Schleimfische bis hin zu Goldschwamm und Schwarzschwammarten. Außerdem gab es hier natürlich wieder diverse Anemonen, einschließlich der Pferdeaktinie. Auch die Wachsrose Anemone sulcata war hier anzutreffen, mit der wir später noch engere Bekanntschaft machen würden.
Auf dem reinen Sandboden wuchsen aus dem Reich der Pflanzen nichts erkennbares, dafür tummelten sich am Boden u.a. das giftige Petermännchen Trachinus draco, Seezungen und Schollen sowie die große, geschützte Steckmuschel Pinna nobilis, für die man mindestens 40.000€ Strafe bezahlen muss, wenn man auch nur bei dem Versuch, sie mitzunehmen, erwischt wird.
Schließlich beherbergten die Seegraswiesen aus Tanggras (die zu dieser Jahreszeit recht welk wirkten) recht wenig. Eventuell habe ich den Pfauenfederwurm Sabella pavonina am Rand einer der Wiesen entdeckt. Inmitten einer anderen wuchs eine recht große Wachsrose. Direkt daneben lag ein seltsamer, leuchtend oranger Klumpen mit delligen Strukturen darauf. Noch nicht so geübt im Tiefentauchen, es war schon mindestens drei Meter tief dort, kam ich nicht so recht ran. Mir glückte, es wenigstens kurz anzufassen. Es fühlte sich weich genug an, dass ich ausschließen konnte, dass es sich nur um einen hübschen Stein handelte.
Als wir bei der Rückkehr unserer Exkursionsleiter anfingen, unser Funde so gut wie möglich an Land zu bringen, setzte ich Tobi auf den orangen Klumpen an, der ihn auch erfolgreich hervorholte. Als wir uns das seltsame Ding, dass direkt vor der Brille doch erheblich kleiner ausfiel als von oben abgeschätzt, genauer ansahen, hatten wir ein ziemliches Heureka-Erlebnis: Wir hatten da nicht etwa nur etwas Schwamm- oder Seescheidenartiges mitgebracht. An dem orangen Scheibchen hing auch noch jemand dran:
Wollkrabbe mit Seescheide
Ich stelle vor: Die Wollkrabbe Dromus personata mit der Kegelförmigen Seescheidenkolonie Aplidium conicum – wobei die Krabbe ihren unfreiwilligen Kumpel eher auf eine gewölbte Scheibe zurechgeschnitzt hatte. Die Scheren, die sie dazu benutzt, gehören übrigens im Verhältnis zu ihrer Größe zu den stärksten unter den Crustacea. Die eher einseitige Symbiose dient der Krabbe vor allem als Tarnung. Die Seescheide selbst bekommt als Entschädigung, dass sie so in ihrer Wachstumsfreiheit eingeschränkt wird, zumindest ab und zu mal einen Ortswechsel und somit mehr Nahrung. Wie man auf dem Bild ein wenig erkennen kann, wird die Seescheide mit einem Hinterbeinchenpaar festgehalten und es war auch nicht so einfach, ihr die Seescheide abzunehmen. Umso schneller setzte sie sie sich dafür wieder auf.

Wir fanden noch das ein oder andere interessante Stück, unter anderem zum Beispiel eine kleine, sehr agile Seegurke, von der Tobi ein schönes Video gemacht hat (normalerweise liegen Seegurken total bewegungslos am Boden herum):
Außerdem fand ich noch einen Einsiedlerkrebs, den bisher keiner der Teilnehmer jemals gesehen hatte und der auch nicht in unserem Bilderbestimmungsbuch erwähnt war. Am häufigsten hatten wir bisher den Felsküsten-Einsiedler Clibnarius erythropus aufgefunden, ein lustiger Geselle mit kontrastreicher braun-roter Färbung. Dieser Einsiedler hier war jedoch weiß-schwarz gestreift und viel aggressiver als der Felsküsten-Einsiedler. Außerdem lebte er in einem ganz untypischen Schneckenhaus. Leider kamen wir nicht dazu, ihn genauer zu bestimmen, aber dem Experten widme ich hier unser einziges Bild von ihm (ich war leider nicht das Kamerakind).
der weie Einsiedler
Nachdem die Funde, die wir in den Tagen darauf noch in den extra angemieteten Labors genauer beobachten wollten, entsprechend versorgt waren, begaben wir uns noch auf die Wiese. All unsere Veteranen kannten diese nur als saftig grünes, leicht stacheliges Naturparadies. Die lange Trockenheit aber hatte dieselbige Wiese in eine trockene, sehr sehr stachelig-dornige, kaum Schatten bietende Hölle verwandelt. Hauptsächlich Heuschrecken, Mantiden und Spinnen und auch ein paar Schmetterlinge hielten es hier noch aus. Unter den Spinnen befand sich u.a. die eindrucksvolle, mittlerweile auch in Deutschland heimische Wespenspinne Argiope bruennichi.
Wespenspinne
Dies war noch ein recht kleines Exemplar. Ausgewachsene Weibchen können allerdings eine Körperlänge (also ohne Beine) von bis zu 2,5cm erreichen. Wer Angst vor Spinnen hat, bricht also in hellste Panik aus, sollte er mal ein Exemplar davon in seinem Garten entdecken. Bei mir zuhause haben wir jedenfalls auch schon ein Exemplar entdeckt, die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios lässt sich also nicht zu gering einschätzen.
Damit dieser Blog nicht alle Nähte sprengt, schließe ich jetzt mit der Information, dass es zu Abend einen schönen, saftigen, kalten Salat gab mit den üblichen Beilagen und anschließend bei etwas kaltem Wind den zuvor vertagten Einstiegsvortrag unseres Exkursionsleiters.
Morgen geht es weiter in Pula, vllt auch schon Rovinj.
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