Mittwoch, 15. Juli 2015

Helgoland Exkursion 2015, Inseltag 3: Düne, die Wüsteninsel

Kegelrobben Helgoland Düne

28.März
Der Wecker klingelt um 4:30. Ich habe einen Schultermuskelkater, dessen Herkunft ich mir nicht erklären kann sowie leichte Kopfschmerzen. Letztere haben jegliche Erinnerung, dass ich mir am Vorabend extra die Kameraausrüstung mit ins Zimmer genommen habe, um endlich morgens Fotos zu machen, verdrängt.

Jule zieht also ohne mich los und ich schlafe weiter bis 7:00 Uhr. Bett-naus. Weil ich dann auch noch schnell dusche, komme ich etwas verspätet zum Frühstück.
Dort meldet mir Ferdi, er hätte aufgrund meiner Verspätung bereits meine Brötchenration selbst fachgemäß verwertet.

Tinschä hat immer noch Kopfaua und verfällt daher in vom Vater vererbte Trotzmuster: Sie schaut gar nicht erst nach, ob das mit den Brötchen stimmt und mischt sich stattdessen ein Müsli. Wahrscheinlich murmelt sie noch ein “Rutsch mir doch den Buckel runter” in ihren nicht vorhandenen Bart und schreibt später in ihr Tagebuch, dass sie sowieso Lust auf Müsli gehabt hätte. Wer’s glaubt!

Heute soll es auf die Düne gehen – immer noch im Trotzmodus guckt Tinschä weiterhin nicht nach, ob es für sie noch Brötchen gibt und nimmt sich stattdessen zwei ultra nahrhafte Äpfel mit, das wird schon bis zum Abendessen in der Jugendherberge reichen!

Kegelrobben Helgoland Düne

Bis es Zeit ist, zum Labor und dann zur Dünenfähre zu stiefeln, schreibe ich diverse mehr oder weniger abstruse Postkarten. Einmal schwärme von meinem Strandurlaub bei einer angenehmen Wassertemperatur von knapp 4°C und dem Wind, der einen mit 90 km/h aufwärts streichelt während man sich in der herrlichen Bewölkung sonnt. Auf einer anderen gebe ich mich als Basstölpeldame aus und freue mich über meine bald schlüpfende Brut und dass mein Gatte Ferdi mich bestens mit Nistmaterial versorgt.

Auf der Dünenfähre bekommen wir einen Außenplatz, weswegen es mir dort ausnahmsweise mal nicht schlecht wird. Ich unterhalte mich angeregt mit Eilika über Festivals, die ich seit bald zwei Jahren aus zeitlichen Gründen nicht mehr besuchen kann und erfahre von Ingrid, dass Wolfgang traurig ist, dass er wegen der ollen Grippe nicht mitfahren darf.

Steinwälzer (links), Meerstrandläufer (rechts)

Jule und ich gehen auf der Düne links rum und finden auf einem Felsen vor der Mole Steinwälzer und Meerstrandläufer. Am Strand liegen wie immer mindestens um die 100 sehr fotogene Kegelrobben herum. Wie schon zwei Jahre zuvor, befindet sich auch wieder eine sehr seltsame, neonorange Robbe darunter, deren Kopf eher zylindrisch verläuft.

neonorange Robbe

Bild: Neonfarbene Robbe in S-förmiger Pose, der Kopf ist bis auf Bauchhöhe heruntergebogen

Die jungen Kegelrobben führen bei dem angenehmen Faulenz-Wetter beeindruckende Schein-Kämpfe auf, die ich in einem Video dokumentiere:

Ein Hauptteil unserer Blicke gilt aber nicht nur den lebendigen Tieren am Strand, sondern auch den Lebewesen, die vor etwa 65 Millionen Jahren zur Kreidezeit hier im Meer gelebt haben. Die Düne, wenn auch seit dem dritten Reich hauptsächlich aufgeschüttet, hat einen Muschelkalk-Sockel, der allein schon für seinen Fossilreichtum bekannt ist. Der Meeresgrund ist dann auch noch Kreide und so werden bei jedem Sturm neue Bruchstück Kreide mit Feuersteineinschlüssen an den Strand gespült. Wer Glück hat, findet ein Lebewesen, das damals von weichem Kreide-Sediment umspült wurde, welches fest wurde und einen Hohlraum hinterließ. In diesen Hohlraum flossen Kieselalgen ein, die sich über die Jahrmillionen zu Feuerstein verfestigten und nun den Abdruck des Tieres wiedergeben.

Wir, also jetzt Jule, Dani und ich, haben ewig kein Glück. Doch dann: Jule freut sich! Jule findet einen Donnerkeil. Jule zerdonnert den Keil. Jule freut sich nicht mehr. Dafür freut sich Tinschä, denn die findet auch diese Jahr wieder an der Aade den Gemeinen Strandlauch.

Gemeiner Strandlauch Allium arenaria

Donnerkeile sind die hier auffindbaren Überreste von Belemniten, den auseinandergezogenen Cephalopoden-Verwandten der bekannteren Ammoniten.
Ich finde weiterhin weder “Donnerkeile” noch Seeigel, die hier ja so oft rumliegen sollen aber mir nie unter die Augen gekommen sind. Recht hoffnungslos nehme ich trotzdem ein rundes Steinchen mit einer seltsamen Struktur mit. Wer weiß.
Achja: Irgendwo auf der Düne müssten sich genau in diesem Moment zwei Verrückte in Neoprenanzügen in die Fluten werfen um mit den Robben zu schwimmen…

Rock die Düne

Endlich erreichen wir das Dünencafé. Jule möchte eigentlich noch länger draußen bleiben, doch wird sie von uns überstimmt. Die Flagge des Dünencafés ziert ein “Rock’n’Roll”, dieser ‘Spirit’ geht sofort in Dani über und äußert sich in einem lauten Aufstoßen, wie das unter Rockern so üblich ist. Schuld bekommt natürlich wieder der Wurm.

Drinnen gibt es endlich unseren heiß ersehnten Sanddorngrog und für Dani einen heißen Holundersaft. Zu mampfen bestelle ich einen Apfelstrudel mit Vanillesoße, den anderen beiden ist deftiger zumute: Dani bestellt Erbsensuppe mit Würstchen und Jule gar – man höre und sabbere – eine sensationelle Kniepersuppe mit Cognac und Sahnehäubchen.

Mit Sarah, Sandra und Eilika kommt dann noch die Qualle um die Ecke und setzt sich zu uns ins warme – die anderen drei Mädels trinken ihr Erholungsbierchen draußen. Wir… oder eher Dani, geben ihr ein Glühwürmchen aus. Als Dank offenbart Qualle ihren Männerkatalog um Jule unter die Haube zu bringen. Leider beinhaltet er v.a. einfach jeden Kerl der irgendwie grade in Sichtweite und nicht unbedingt erste Wahl ist. Gerade als es interessant wird, und sie von Finnen in ihrem Katalog erzählt, verlassen uns Qualle und Dani. Denn Qualle hat Ingrid und Dani so lange genervt, bis beide zugestimmt haben, dass sie ins Helgoländer Schwimmbad darf – mit Dani. Leider wird das für unsere werdende Mutter aber auch nicht gerade entspannender als die Düne, denn das Wetter bleibt weiterhin phänomenal windig und das Becken wird nicht gerade großzügig beheizt. Aber nun ist auch genug mit Kultur!

Jule und ich bleiben noch für eine Weile auf der Insel. Wir gucken uns nochmal den Felsen an der Mole an, besuchen Johnnys Hill, suchen vergeblich nach der Schildkröte und dem Goldfisch im Dünenteich und lesen bedächtig die Aufschriften am Friedhof der Namenlosen. Ornithologisch erfreuen wir uns über einige Neufunde auf der Insel – neben dem Meerstrandläufer:
Elster, Krickente, Graugans.
Weniger freuen wir uns darüber, dass auf der Mitte der Düne mittlerweile etwa 50 kleine, eng aneinander gebaute Ferienhäuser stehen – zu denen auch massig Leute mit Rollkoffern anreisen. Sicher müssen die Leute hier von etwas leben, aber muss man auf dem kleinen Naturwunder Helgoland alles so anthropogen vollmüllen?
Schließlich nehmen wir eine Fähre zurück und gehen ins Labor.

Helgoland Panorama

Dort hat sich Wolfgang ausreichend erholt, um sich über die dortigen Zustände zu echauffieren. Aus Erfahrung gehen wir zwei daher erstmal in die Küche und trinken einen Aufwärmtee.

Danach setzte ich mich an die Auswertung der gestrigen Algenkartierung. Ich hatte mich freiwillig dafür gemeldet, weil ich ja dank der Superduper-Wathose an diesem Geschehen sonst nicht teilgenommen habe. Ferdi kommandiere ich dazu ab, die GPS-Daten auszuwerten, was aufgrund verschiedener GPS-Formate erst einmal Verwunderungsmomente bzw. kurzzeitige Verzweiflung schafft – die Nipptide war gut, aber nicht so gut, dass wir 5 km nördlich der Insel hätten kartieren können.

Außenseiter Robbe

Um 18:00 Uhr tigern wir ausgehungert zur Jugendherberge. Leider haben gerade offiziell die Osterferien angefangen und daher ist die Herberge plötzlich voll mit einer Horde Kindern und nicht unbedingt kompetenten Eltern und Erziehern. Angesichts der Besuchermassen hat das Küchenteam sich dazu entschieden panikartig alles zu kochen was noch da war:
Nudeln mit Gulaschsoße oder Reispfanne, dazu Salat und für hinterher und eigentlich auch nur für uns ein Nachtisch. Jedes erwähnte Gericht ist immer nur kurze Zeit vorhanden, so reicht mein eigenes Zeitfenster gerade so für etwas Gulasch – wie durch ein Wunder finde ich einen Nachtisch, aber Salat ist nie da, wenn ich gucke.

Nach dem Essen halte ich im Labor endlich den schon mehrfach erwähnten und veröffentlichten Geologie Vortrag und liefere danach noch den Felswattbericht bei Ingrid&Lea ab. Zuletzt ziehe ich noch den seltsamen Stein von der Düne hervor und zeige ihn nicht besonders davon überzeugt bei Ingrid vor.
Aber Heidewitzka, es ist ein Fossil. Wir brauchen zwei Bücher um drauf zu kommen was: Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen kreidezeitlichen Schwamm. Für eine genauere Bestimmung müsste ich mich aber auf die Suche nach einem Paläontolgen machen.

Fossiler Schwamm Feuerstein

Schließlich machen wir Feierabend und gehen zurück zum Gästehaus. Dort verköstigen wir Danis Porno-Schokokuchen, der in Kombination mit dem Schwimmbadbesuch entstanden ist. Er ist als Entschuldigung für Missverständnisse für einen Teil der restlichen Mannschaft gedacht und ein Gedicht…

Ferdi kommt dann nochmal mit uns aufs Zimmer. Der Quatschlevel ähnelt dem vergangener Tage. Je später es wird, desto abstrusere Zeiten rechnen wir uns zum Aufstehen am nächsten Morgen aus – denn heute werden die Uhren umgestellt.

Bett nei…. irgendwann.

Dienstag, 2. Juni 2015

Helgoland Exkursion 2015, Inseltag 2

Um 4:30 Uhr klingelt der Wecker, den ich tatsächlich mal wieder höre. Aus Trotz bleibe ich trotzdem noch einmal 20 Minuten liegen. Gegen 5:15 Uhr erreiche ich schließlich den Gemeinschaftsraum, wo uns heute auch Dani mal wieder mit ihrer Anwesenheit beehrt.

Noch bevor wir die Fitnessclub-Treppe bestiegen haben, beobachten wir, wie die Offshore-Park-Flotte, voll mit schwer attraktiven norwegischen Seemännern gen Horizont zu den blau und rot blinkenden Schweinswalen fährt.

Fitnessclub Treppe

Oben auf den Felsen entdecken wir auch eine >10-Vögel-Flotte von Tordalken. So viele auf einmal hatte ich noch nie gesehen – sonst haben wir uns gefreut, wenn wir auch nur einen, versteckt zwischen den Felsen, entdecken konnten. Tordalk und Trottellumme sind derselben Familie zugeordnet und sich dementsprechend ähnlich. Doch hat der Tordalk einen kräftigeren Körperbau und Schnabel. Letzterer ist durch eine weiße Linienzeichnung, die mit einer Linie bis zum Auge reicht, aber gut von der Trottellumme unterscheidbar. Weil man sich morgens nur die Finger schwarz friert, habe ich aber leider kein Flotten-Foto.

Am Vogelfelsen wird es heute gefährlich: Ein neues Tölpel-Paar hat sich unfern des Zaunes ein Plätzchen gesucht. Das Weibchen sitzt wie eine brave Hausfrau auf ihrem zukünftigen Nest und alle paar Minuten kommt ihr noch viel braverer Gatte mit angenehm riechenden Nistmaterial daher. Nur doof, dass der Wind so kommt, dass er von der “Menschenseite” her anfliegen muss. So knallt uns an diesem Morgen mehrfach der 3 kg schwere Vogel, dessen Flügel eine Spannweite bis zu 1,80 m haben können und der und im Normalflug schon 65 km/h fliegt, beinahe an den Kopf.

Pünktlich zum Frühstück kehren wir zum Gästehaus zurück. Danach wird sich wattgerecht bekleidet, Eimer, Helme, Plastikbeutel, Falcon-Tubes, sonstige Gefäße und vor allem GPS-Gerät und Zählrahmen eingepackt und zum Felswatt im Norden der Insel marschiert. Ich teste meine Wathose, noch einmal in einer Knie tiefen Pfütze aus, in der die erste Socke in normalen Stiefeln schon wieder nass geworden wäre. Die Wathose eignet sich auch ausgezeichnet, um Teile der oben beschriebenen Ausrüstung im Brustbereich zur transportieren. Wahrscheinlich fühlt sich ob des Aussehens dieser Transportmethode Dani auch nicht mehr so alleine Zwinkerndes Smiley. Ein kleines Gruppenfoto noch und auf geht’s in Neptuns Reich.

Helgolandexkursion 2015 Erlangen

Eine Woche vor der Helgolandexkursion war ja eine partielle Sonnenfinsternis vorgekommen, die v.a. in Frankreich extreme Springfluten mit sich gebracht hatte. Eineinhalb Wochen später hatten wir dagegen gerade am letzten und hier beschriebenen Tag eine hervorragende Nipp-Tide. Deswegen und wegen der Wathose kam ich so weit auf das Felswatt hinaus wie noch nie – allerdings ist mir dabei nichts allzu neues aufgefallen.

Das schon zu genüge hier erwähnte glamouröse Kleidungsstück ermöglichte mir außerdem, mich vom Hauptgeschäft der Gruppe – Algen kartieren – abzusetzen, während die arme Gummistiefel-Jule mit dem GPS gar nicht auf Entdeckung gehen durfte. Das tut mir noch immer schrecklich leid.

Algenkartieren

Die Algenkartierung lief folgendermaßen ab: Auf ungefähr gerader Linie wurde alle paar Meter ein Zählrahmen mit 5x5 Zählquadraten auf den Boden abgesetzt. Die Stelle wurde mit dem GPS-Gerät festgehalten und dann möglichst von oben mit der Kamera ein Foto geschossen. Dann wurden in 5 Zählquadraten alle aufgefundenen Algen dokumentiert. Dabei muss man aufpassen, dass keine Algen, die außerhalb des jeweiligen Zählquadrats verankert sind, mitgezählt werden. Am letzten Zählpunkt ist das Wasser so tief, dass Super-Wathosen-Tina zur Hilfe gerufen wird.

Portal zum Vogelfelsen

Nach der Zählaktion dürfen wir endlich hinter der langen Anna wieder an Land gehen. Wer zur Mole will, muss über von Tangfliegen umschwirrte, vertrocknete Algen steigen. An Gerüchen mangelt es im Norden der Insel ohnehin nicht. Wir schleichen uns wieder durch die Höhlung unter den Vogelfelsen. Die Akustik ist wie immer atemberaubend.

Mir fällt wieder in der Felswand eine anthropogene Mauer auf. Was da wohl dahinter ist? Während ich darüber nachdenke fliegt ein Stück Dreizehen-Möwen-Kacke an meinem Kopf vorbei. Zeit weiterzuziehen!

Mysteriöse Mauer HelgolandLange Anna von der Mole aus

Auf dem Rückweg entdecke ich in den Tangbergen noch einen toten Kormoran. Der fehlt noch in der Erlanger Vogelschädel-Sammlung. Scheiß auf Handschuhe, ich nehme das Vieh einfach so an der Wirbelsäule hoch. Ingrid packt den Kopf mit einer ersten Plastiktüte, dreht bis er abknackt und verstaut ihn in einer zweiten Plastiktüte. Das Abendessen ist gesichert!
Andersherum gehend kommt der Schutthaufen, der beim Abbrauch des Windrosen-Aussichtspunkts runtergekomme ist, noch mehr zur Geltung (Das Foto findet Ihr hier).

Wieder im Gästehaus werden geschäftig angelieferte Nahrungsmittel hin und her transportiert, sich der Wattklamotten entledigt und verschwitze Kleidung ausgetauscht. Im Labor werden die heute eingepackten Tiere versorgt. In meinem Fall eine alleinerziehende Nereis-Mutter (vllt. diese Art) mit ihrem grünen, ballförmigen Laich. Leider habe ich wieder kein Foto gemacht. Das Mittagessen wird im Labor-Gemeinschaftsraum eingestrudelt, leider ohne Wolfgang, der bleibt im Bett.

IMG_0109

Dafür gibt es aber nochmal eine ordentliche Portion Freizeit. Die mittlerweile wieder entgrummelte Jule und ich nutzen sie, um an den “Steg” hinter der Jugendherberge zu wandern, wo wir einige Eiderenten (Bild oben) und Sanderlinge finden. Im Sand neben dem Steg malt ein Künstler mit Fingerfarben die hier schön zu sehenden Felsen.
Dani’s Würmchen ist in der Zwischenzeit unartig und verschafft ihr einen extremen Migräneanfall.
Wir watscheln also weiter zu zweit bis zum Westwatt, wo wir endlich auch mal eine Bachstelze und tatsächlich auch einen Zilpzalp entdecken – letzterer war aber ganz leise, so dass wir ihm erst am Computer mit Vergrößerung und mithilfe des Svensson-Vogelführers auf die Schliche kommen. Außerdem entdecken wir:

IMG_0136Ein Getränk extra für Jule,

IMG_0134diese vorwurfsvolle Silbermöwe, und

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eine Rotdrossel mit beachtlichem Stuhlgang.

Zurück im Labor hält Lea den Vortrag über Algen, den wir sonst immer von Manfred Kraml hören durften. Allzubald ist dann auch schon wieder Essenszeit in der Jugendherberge. Es gibt in reichlich Fett gebadete panierte Scholle mit Pellkartoffeln und Remoulade. Wolfgang scheint es wieder besser zu gehen, er kann sich sogar wieder gegen ungeheuerliche Angriffe wehren. Aber immer noch sichtlich angeschlagen begleiten er und Dani uns nicht mehr zur abendlichen Laborsession.

Dort hören wir einen weiteren Vortrag von Sarah über Meeressäugetiere in Deutschland – davon würden wir am nächsten Tag ja schließlich endlich welche aus der Nähe erblicken. Ich biete mich mit dem Geologievortrag auch noch an, aber Ferdi hat keine Lust mehr, also ziehe ich meinen Vorschlag galant zurück.

Stattdessen wollen es alle nochmal probieren, “Findet Nemo” zu gucken. Bin mit Jule einer Meinung: Es gibt keine Clownfische auf Helgoland, also wollen wir das auch nicht sehen. Ich gehe schließlich aber doch alleine rüber und hau mich in die Falle.

Vielen Dank an Dich, werten Leser, dass du reingeschaut hast.
Dein Tinschän

Bämm!

Nix mit Schlafen. Jule und Ferdi rücken im Doppelpack an. Bevor sie ins Zimmer kommen, wollen sie mich durchs Fenster ärgern – unglücklicherweise standen sie aber wohl vor dem falschen. Man wird nie erfahren, welches es war und was sie dort gemacht haben.
Es bleibt auch bis heute unklar, ob sie mich wirklich geweckt haben. Bei dem was mir erzählt wird, was ich alles so von mir gegeben habe, kann es sich eigentlich um keine Art von Wachzustand gehandelt haben. Ich erinnere mich nur, dass ich mich mehrfach demonstrativ aber offenbar zu unklar als Posthörnchenwurm gebart habe. Die anderen beiden zogen sich als gerechte Strafe Lach-Bauchschmerzen zu.

Sonntag, 24. Mai 2015

Helgoland Exkursion 2015, Inseltag 1

26. März, 4:30 Uhr
Wieder klingelt der Wecker, während ich mich in einer Tiefschlafphase befinde. Jule piekst mich wach.
Im Gemeinschaftsraum gesellen sich Sarah und Sandra zu uns. Ein sehr kleines Frühstück aus Tee und evtl. einer Banane und auf geht’s zum Vogelfelsen. Dort haben wir jetzt auch genug Zeit, um diverse Verhaltensmuster zu beobachten wie die Anlieferung von Nistmaterial – bei Wind noch lustiger – und anschließendes Begrüßungs-Schnäbeln.

Basstölpel schnäbeln

Wir vergleichen die Nistplätze aus unserem Erinnerungsschatz von 2013 (bzw. 2011) und heute und finden: Die Lummen wurden noch mehr von den Basstölpeln verdrängt als das schon vor 2 oder 4 Jahren der Fall war. Mittlerweile sind 70% des Lummenfelsens nicht mehr von Lummen sondern von Basstölpeln besetzt. Als wäre das nicht schlimm genug für die Lummen, entdecken wir auch noch, dass ein ordentliches Stück von der Flanke abgebrochen ist. An manchen Vorsprüngen, wo die früher Pinguin-genannten Vögel sich jetzt hinquetschen müssen, kann man sich nicht mehr vorstellen, wie sie dort noch brüten sollen. Die extrem ovale Form des Trottellummen-Eis hin oder her – irgendwann ist ein Untergrund doch zu steil um dort noch ein Ei halten zu können.


Mehr Tölpel- als Lummenfelsen

Um 6:30 Uhr verlassen Jule, Ferdi und ich das Oberland, denn wir und Dani sind für heute auserwählte Angehörige der tollkühnen Crew der Aade. Wir schmeißen uns in Schale mit Gummistiefeln/Wathosen und Schwimmwesten und watscheln zum Anleger. Dort erwartet uns zu allererst wieder der Norbert aus dem fränkischen Eckental vor der eben eingelaufenen Atlantis und hält erst uns und dann auch noch die Besatzung der Aade mit seinen munteren Schwätzchen auf.

Endlich soll es aber doch losgehen. Dafür müssen wir erst einmal eine verdächtig rostige Leiter hinunterklettern auf die Schiffskante. Durch die Wathose beschränkt kann ich mich nicht genug verbiegen um auf den tatsächlichen Grund der Aade zu klettern. So greife ich nach einer Stange am Steuerhaus-Dach und baumle einige Sekunden total professionell in der Luft, bis ich mich traue die noch übrigen 15 cm herunterzufallen.

Eissturmvogel

Das Wetter ist eigentlich zu gut, kaum Wind, kaum Wellen. Man hätte doch seine Optik mitnehmen können (hätte – haben aber nicht. Keine Fotos). Irgendwann werden trotzdem meine Augen müde vom den Horizont anstarren und ich werde wieder seekrank. Im Kollektiv haben wir trotzdem beobachtet (außer dem täglichen Geschäft des Plankton-Fangens): Silbermöwen, Kormorane, Eiderenten, Basstölpel (leider nicht jagend), etwas gänseartiges in V-Formation.

Im Gespräch mit dem Kapitän offenbart sich: Dieser erkennt Ferdi ob seines einprägsamen quietschorangen Outfits wieder. Er erinnert sogar noch an so einen langhaarigen Kerl der ihn mit Fragen förmlich gelöchert hat. Ich setzte mich schließlich ins Steuerhaus und mache die Augen zu. Dann rutsche ich auf einem rosa Wölkchen auf und ab und die Seekrankheit kann mich mal am Popo.

Basstölpel im Gleitflug

Als wir wieder am Anleger vorm Labor ankommen, bin ich die einzige die froh drum ist. Die anderen würden gerne weiterfahren, aber irgendwer muss ja das Plankton zum Labor bringen. Leider hat uns niemand gesagt, dass wir davon gar nichts abbekommen und daher zwacken wir uns davon auch nichts für unser Labor ab.

Uns steht der Sinn im Moment nämlich mehr nach Fischbrötchen. Gierig laufen wir zur Fischbude. Aber leider hat die noch zu. Doof.
Gut, dann essen wir eben normales Frühstück im Gästehaus. Die anderen sind schon längst los zum Watt, wir haben also Zeit.

Erst einen Tag zuvor hatten wir im Plenum beschlossen, dass wir jeden Tag für jeden zwei Brötchen fürs Frühstück bestellen. Als wir in die Küche kommen stellen wir fest: Die gefräßige Meute hat sich alle 8 Brötchen, die für uns gedacht waren gleich miteinverleibt. Die könnten ja schlecht werden in den 2 Stunden. Sehr zuvorkommend.
Zum Glück finden wir noch etwas Brot, Toast, Marmelade und Weichkäse, hin und wieder in Kombination genossen.

Windrose weggebrochen

Während ich für 15-30 min im Zimmer verschwinde und mich flachlege, werden Ferdi und Maria verlobt, ihre Hochzeit auf Helgoland geplant und ausgerechnet ich als Fotograph gebucht. Das Leben ist wohl, was passiert, während man ein Nickerchen macht.
Gegen 11:00 erscheint uns der immer noch schwer mit seiner Grippe kämpfende Wolfgang in Bademantel mit viel Fieberschweiß auf der Stirn. Doofes Virengesocks! Gehört sich eingesperrt! Grippe auf Helgoland, total überflüssig!

Da die anderen noch immer im Felswatt umherschlurfen, gehen wir nochmal zur Fischbude und schlürfen dort Kräutermatjes, Fischfrikadellen, Bismarckhering und Garnelen in Mayonaise mit brötlicher Unterstützung ein. Wieder im Labor widmen wir uns dem dortigen Viechzeug oder in meinem Fall der Geologie und –graphie Helgolands bis der Rest wieder eintrifft. Damit möchte ich eigentlich fortfahren, gerade auch weil ich gnatschig bin, weil wir keine Zeit mehr hatten, Marabou-Salzlakritz-Schokolade einzukaufen.
Aber der gewattete Rest ist jetzt natürlich auch hungrig und deckt zu Mittag auf. Jule zwingt mich zum sozialisieren. Ich esse nichts. Aber immerhin entgeht mir so nicht Wolfgangs Geschichte vom Käsekauf in Wilhelmshaven. Dort hatte er auf dem Markt bei einem Käsehändler eine äußerst bunte Sammlung an Käsen erstanden, vom Händler auch sehr viel gelernt… aber auch schon wieder alles vergessen.

Die Mädels

Nach dem Mittagessen bekommen wir noch einmal Freizeit, um den Vogelfelsen zu erkunden. Jule und ich geben jedem der es hören will (v.a. Christie klebt uns förmlich an den Lippen) ein ausführliches Briefing über alles was man da oben so sehen kann – vom Vogel über Bombenkrater bis zu Schafen die über die Klippe stürzen. Wie ein solches Unglück ungefähr seinen Lauf nimmt, können wir sogar live beobachten (siehe Video) Auf dem Rückweg gehen wir noch im Duty-free-Shop vorbei und erstehen größere Mengen der bereits erwähnten göttlichen Schokolade.

Zurück im Labor versuche ich mich an einer Bryozoe, aber, es hört einfach nicht auf, kurz vorm Durchbruch ist schon wieder Essenszeit. Ab zur Jugendherberge, wo uns Frikadellen mit Kartoffelstampf und Ketchup erwarten. Wolfgang sieht unverändert schlecht aus, hat 38°C Fieber und wird von der ganzen Mannschaft wieder ins Bett komplimentiert.

Die letzte Etappe im Labor ist geprägt von der Diskussion, ob, wo und wie jetzt “Findet Nemo” angeguckt werden soll. Ingrid katalogisiert und bestimmt unermüdlich Algen am Schaumikroskop, Katha schaut schnulzige Filme und beteuert, die hätten was mit ihrer Hausaufgabe “Parzival” zu lesen zu tun und Jule kann es nicht mehr erwarten und öffnet die erste Packung Salzlakritzschoki. Ich bekomme was ab. Alles wieder gut.

Bett-nei: 23:00.

Sonntag, 10. Mai 2015

Libelle, Bergmolch und Co.: Exkursion zum Waldsee im Mai

Am 9. Mai 2015 gaben ich, die FÖJ-lern von 2012/13 und Jule Dummert eine Exkursion zum Waldsee im Schönberger Forst. Aufgrund diverser organisatorischer Schwierigkeiten hatte wohl niemand in Lauf davon erfahren und die paar Leute, die sich über Facebook angemeldet hatten, hatten uns auch vergessen.

So saßen wir mit Bestimmungsbüchern, Keschern, allerlei Schaugefäßen, sogar einem Mikroskop am Weg und die meisten Passanten guckten uns an, als wären wir dem Irrenhaus entlaufen oder wollten ihnen etwas verkaufen.

Zum Glück radelte schließlich ein sympathisches Vater-Sohn-Gespann um die Ecke und machte mit. Die folgenden 2 Stunden zeigten wir dem stattlichen jungen Herren von ganzen 6 Jahren was man alles finden kann, wenn man mal mit dem Kescher durchs Wasser fährt. Nach anfänglichen Berührungsängsten war sich unser Held schon bald nicht mehr zu schade, die spannenden nassen Wesen selbst aus dem Kescher zu klauben…

Bergmolch Männchen

Aus einem geheimen Tümpel, den nur die Tina finden kann, holten wir den tollsten Waldbewohner von allen und gewährten ihm eine kleine Sightseeing-Tour.

Bergmolch Männchen

Es handelt sich dabei um einen männlichen Bergmolch in Wassertracht. Denn das restliche Jahr leben Bergmolche gut versteckt an feucht-kühlen schattigen Plätzen, wo man sie nur noch mit außergewöhnlich viel Glück finden kann. Nur nachts wagt sich der Bergmolch aus seinem Versteck und geht auf die Jagd.

Bergmolch Männchen

Nur zur Paarungszeit im Frühjahr werfen Weibchen und besonders Männchen sich in Schale und treffen sich an einem geeigneten Gewässer – da ist der Bergmolch allerdings nicht sehr wählerisch. Darin klebt das Weibchen bis zu 250 Eier einzeln an Wasserpflanzen. Brutpflege betreibt es nicht, die nach spätestens 4 Wochen schlüpfenden Larven sind dann auf sich alleine gestellt. So weit war es natürlich noch lange nicht.
Unser kleiner Held des Tages lieferte daher den Bergmolch-Papa höchstpersönlich wieder bei der Bergmolch-Mama ab.

Bergmolch Männchen

Unter unseren Fängen befand sich auch eine Käferlarve. Dazu muss man wissen, dass Käferarten von allen weltweit bekannten Tierarten ein ganzes Viertel ausmachen! Aber nur 360 Arten von 8000 Käfern die bei uns vorkommen, erleben einen Teil ihres Lebens im Wasser.

Wasserkäferlarve

Zu den größten Bewohnern im Waldsee gehören auf jeden Fall die Larven von diversen Großlibellen. Wir fanden davon einige beeindruckende Exemplare. Wenn Du das Bild unten als Maßstab ansehen willst: Von der 5er-Markierung bis zur 10 liegt 1 cm. Insgesamt war das Tier etwa 2,5 cm groß.

Großlibellenlarve

Großlibellen erkennt man im Larvenstadium neben der schieren Größe vor allem daran, dass ihr Hinterleib pyramidenartig zugespitzt verläuft. Bei Kleinlibellen gehen davon nämlich zusätzlich drei Kiemenblättchen aus, mit denen die Larve atmet.

Großlibellenlarve

Bei der Großlibellenlarve findet die Atmung direkt im Hinterleib statt. Davon abgesehen kann die Großlibellenlarve, wenn ihr eine Situation zu heikel wird, das Wasser aus ihrem Hinterleib ausstoßen und so blitzschnell von der Gefahr wegsausen.

Großlibellenlarve

In ihrem wassergebundenen Leben als Larve macht die Libelle mehrere Häutungen durch. Jedes Mal sieht sie ein bisschen mehr wie ein Erwachsener aus, jedes Mal werden ihre Augen und Flügel, die sie später zu einem ausgezeichneten Flugjäger machen werden, größer.

Libelle Schlupf

Eines Tages, meist früh morgens, ist es so weit und die Larve klettert aus dem Wasser, einen stabilen Grashalm empor. Für jemanden, der sein ganzes Leben lang geschwommen ist, ist das Klettern anstrengend. Nach einer kleinen Ruhepause geschieht es dann: Die Haut an Kopf, Brust und Rücken bricht auf und langsam arbeitet sich das noch weiche, endlich erwachsene Tier aus ihrer letzten Larvenhaut heraus.

Libelle Schlupf

Sie kann dann noch längst nicht los fliegen. Ihre Flügel waren die ganze Zeit nur auf kleinstem Raum komprimiert. Sie muss sie erst mit ihren Körpersäften aufblasen. Auch das frische Chitin-Skelett muss erst an der frischen Luft aushärten, bevor sie irgendetwas anderes machen kann. Die sonst als so buntes Insekt bekannte Libelle ist bisher auch noch fast völlig farblos, die Farbe muss sich erst noch entwickeln.

Großlibellenlarve Exuvie

Weiter oben ist die Luft zum Aushärten besser, daher klettert sie langsam nach oben. Zurück bleibt ihre harte Larvenhaut, auf schlau heißt das Exuvie. Im Bild oben kannst Du weiße Fäden sehen – die stammen vom Atmungsorgan der Libelle, den Tracheen. Die Libelle hat als Insekt nämlich keine Lunge wie wir. Stattdessen sind diese Tracheen wie Wasserleitungen durch ihren Körper verlegt und versorgen ihre Zellen mit Sauerstoff.

Kleinlibellenlarve Exuvie

Im Bild oben siehst Du noch eine Exuvie einer Kleinlibelle – ihre Augen liegen nämlich weit voneinander getrennt auf den gegenüberliegenden Seiten des Kopfes. An diesem Bild besonders ist, dass Du gut die sogenannte “Fangmaske” sehen kannst. Als sie noch im Wasser gelebt hat, hat sie damit blitzschnell ihre Beute eingefangen – da will man keine Libellenbeute sein! (Wenn Du so eine Fangmaske in Aktion sehen willst, klicke hier)

Junge Smaragdlibelle

Die Bilder oben und unten zeigen eine Libelle, wahrscheinlich eine Smaragdlibelle, die schon ein paar Stunden länger aus ihrer letzten Haut geschlüpft ist. Man sieht bereits, wie sich die metallisch grüne Farbe entwickelt.

Junge Smaragdlibelle

Schon bald wird sie flugfähig sein und ihren Beobachter an ihre Vorfahren im Zeitalter des Karbon erinnern, als Libellen noch eine Spannweite um einen Meter hatten und durch riesige Wälder aus riesigen Schachtelhalmen und Bärlappen schwirrten.

Junge Smaragdlibelle

Gerade im Mai gedeiht im Waldsee des Schönberger Forsts eine Pflanze aus der Roten Liste – der Fieberklee. Seine flauschig aussehenden, rein weißen Blüten laden ein, ihn zu pflücken. Aber wegen seines Status als Rote-Liste Art darf er nicht gepflückt werden. Seinen Namen hat er aus der Zeit, als man noch glaubte, die Pflanze würde gegen Fieber helfen – das konnte die moderne Medizin aber nie nachweisen.

Fieberklee

Einer der häufigsten Fänge in unserem Kescher waren die Larven von Eintagsfliegen. Deren kurzes Leben als Erwachsener, das allerdings auch länger als einen Tag dauern kann, geht ein noch viel längeres Leben als Larve voraus (bis zu 3 Jahre!). Die Larven erkennt man an den (meistens) drei Schwanzanhängen und den paarigen Tracheenkiemenblättchen am Hinterleib.

Eintagsfliegenlarve

Nachdem uns das Vater-Sohn-Gespann, sichtlich mit dem Biologie-Virus angesteckt, verließ, machten Jule und ich uns auf zu einem anderen Gewässer in der Nähe: Dem Nessenbach. Dieser fließt durch das malerische Dörflein Schönberg hinein in einen sandigen “Steckerles-Wald”. Dort schlängelt er sich durch tiefe Schluchten, birgt an manchen Stellen sogar trügerischen Treibsand wie ich 2 Jahre zuvor am eigenen Leib spüren durfte.

An einer steinigeren Stelle gingen wir mit dem Nordländer und seinem komisch begabten Hund Dexter wieder auf die Suche.

Steinfliegenlarve

Und wir fanden endlich auch Steinfliegenlarven. Anders als die Eintagsfliegenlarven haben diese immer nur zwei Schwanzanhänge und tragen ihre Tracheenkiemen quasi in ihren Achseln. Außerdem fühlen sich die meisten Arten nur in sauerstoffreicheren, strömenden Gewässern wohl – im Waldsee würde man keine Steinfliegenlarven finden. Daher sind sie auch Zeigerorganismen für eine gute Wasserqualität.

Köcherfliegenlarve Fangnetz

Einen besonderer Fund siehst Du im oberen Bild: Dies ist das Fangnetz einer Köcherfliegenlarve. Diese Tiere bauen sich teilweise artspezifisch aus verschiedensten Materialen einen Bau direkt um ihren Körper herum, der wie ein Köcher aussieht. Unten siehst du eine Köcherfliegenlarve, der ihr Sand-Köcher beim Keschern verloren gegangen ist – das ist aber kein Problem, den baut sie sich einfach wieder neu.
An großen Steinen spinnt sie sich mit derselben Substanz, mit denen sie die Baumaterialien ihres Köchers zusammenhält ein Netz, ähnlich wie eine Spinne. Wer so unglücklich ist, von der Strömung dort hineingetragen zu werden, endet als nächste Mahlzeit einer Köcherfliegenlarve.

Köcherfliegenlarve ohne Köcher

Vielleicht hat dieser kleine Bild-geschmückte Text ja Dein Interesse geweckt – am 27. Juni um 10:15 treffen wir uns wieder mit hoffentlich ein paar mehr tollen Menschen und sehen nach, was sich im Waldsee in den letzten 6 Wochen alles getan hat!

(Anmeldung auf Facebook, https://www.facebook.com/events/1592489507652896/ und/oder telefonisch unter 015771918532)

Montag, 4. Mai 2015

Helgoland Exkursion 2015, Die Überfahrt

25. März gegen 5:00 Uhr.
Ich befinde mich offensichtlich noch im Tiefschlaf und bekomme keine der üblicherweise mehreren Runden Vogelguckwecker mit. Erst als Jule das Licht an macht, erwache ich mit derben Kopfschmerzen. Ist wohl so eine Art umgekehrter Hitzeschlag vom textilbefreiteren Abend zuvor – eine Art Hirnfrost ohne Milchshake.

Während Jule also alleine rausgeht und einen verträumten Steinwälzer beobachtet, der jedes Mal verpasst, wenn der Schwarm weiterfliegt, schlafe ich noch eine gute dreiviertel Stunde weiter bis es Frühstückszeit ist.
Ich versuche nach Kräften noch so viel wie möglich guten Dani-Kuchen zu essen, bevor dieser im Müll verschwindet.

Darauf folgt einer der geordnetsten Abzüge, die ich je mit der Stammbesetzung der Meeresbiologieexkursionen miterleben durfte. Die abendlichen Überstunden haben sich bezahlt gemacht. Auf geht’s zum schönen Cuxhaven!
Ich, der offizielle, unübertreffliche, unglaubliche Bus-DJ, lege den “Fluch der Karibik”-Soundtrack auf -

Diverse Gesichter im Bus nehmen einen ernsten Ausdruck an. Man ist entschlossen, abenteuerlustig. Wie die Gischt in einem schlimmen Sturm auf See klatscht Regen an die Busscheiben. Dramatik pur! Wir wollen statt auf einem motorisierten Stahlschwimmkörper mit einem hölzernen Segelschiff zur Insel übersetzen. Am besten unter schwarzer Flagge.

Die Atmosphäre wird je gestört, als man ein dumpfes Grollen hört. Der Rest der Mannschaft wurde nicht gefragt, Fluch der Karibik wurde fortgejagt. Ferdi fordert den Ordner “Mitsingshit”. Dort hatte ich diverse vertonte Kinderlieder hinterlegt. Die Abenteuerstimmung weicht wieder dem Wahnsinn. Die Textsicherheit ist überraschend bombastisch.

Wir erreichen die gute Alte Liebe und erblicken die noch immer nicht gesunkene Atlantis. Ein Matrose aus der fränkischen Heimat v.a. Jules erwartet uns und ist ganz aus dem Häuschen. Als besondere Gefälligkeit, müssen wir unser Geraffel nicht einzeln über die Zugangsrampe und dann durch das atlantische Labyrinth zum Gepäckplatz tragen. Das Gepäck wird stattdessen von seinen Kollegen über eine Tür auf so hochabenteuerliche Weise ins Schiff geschleudert, dass man gar nicht hingucken möchte.

Anschließend entern wir die Eingeweide der Fähre und belegen aus alter Tradition die Langbank-Plätze. Die sind am besten geeignet, um seekranke Landratten über den Umweg durch Morpheus’ Reich zur heiligen Insel zu befördern. Ebenso aus alter Tradition muss aber auch stets beobachtet werden, wie sich das Festland in der Ferne verliert.

Tschüss Cuxhaven!

Nach etwa 2-3 Stunden Fahrt, die ich aufgrund geringen Wellengangs ohne viel Übelkeit überstehe, gelangen wir im Helgoländer Hafen an. So ruppig das Gepäck aufs Schiff gelangt ist – es kommt doppelt so ruppig wieder herunter. Teilweise landet es haarscharf nicht im Wasser.

Die erste Anlaufstelle ist das Labor, wo wir unser Laborgepäck direkt einlagern. Bald ist auch das persönliche Gepäck am Wilhelm-Mielck-Gästehaus angekommen. Wir gehen ihm nach und belegen unsere tollen renovierten Doppelzimmer die, obwohl kaum halb so groß, eigentlich viel funktioneller und angenehmer aufgeteilt sind als die in Wilhelmshaven.

Helgoland Labor Bildschirme

Dem Großteil des Trupps verlangt es nach einer Kaffee-Kuchen-Pause. Jule, mich und Ferdi mit leichter Verspätung, verzehrt es nur nach dem Vogelfelsen. Uns wurde nur eine Stunde Zeit angeordnet, also erleben wir im Zeitraffer:

Spielende Kegelrobben, Amseln, Stare, Haus-Sperlinge, Buchfinken, Rotdrosseln, Austernfischer, Rabenkrähen, Eiderenten, Silbermöwen, Dreizehenmöwen, Heringsmöwen,Trottellummen, Basstölpel, und Eissturmvögel.

Außerdem entdecken wir drei, die wir das letzte Mal vor zwei Jahren hier waren, dass die schöne Windrosen-Aussichtsplattform im Norden der Insel den Naturgewalten (naja, teilweise anthropogen) zum Opfer gefallen war.

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Was im linken Bild zum Dezember mit einem unscheinbaren Riss begann, endete am 12.12.2014 mit dem Abbruch eines riesigen Stückes unserer Lieblingsinsel. Vom Felswatt aus gesehen, bleibt davon nicht mehr als das:

Felswatt Helgoland Abbruch Windrose

Wir hechten die 60 m tiefe Treppe wieder hinunter, kaum das wir hinaufgehechelt waren, kommen wieder zurück zum Gästehaus und entdecken die Mannschaft immer noch behäbig speisend und schlürfend. Allerdings ist nur noch Kaffee übrig von der eisernen Ration. Welch ein Glück, dass wir die vergangenen zwei Tage so stark zugefüttert worden waren.

Weitere 45 min später sind wir wieder im Labor. Organisation. Das spätere Trio infernale, Ferdi, Jule, Dani und ich dürfen als erstes auf das Algenfischerboot Aade. Lea bekommt den Titel “André mit Sozialkomponente”, lässt sich ihren Stolz aber nicht ansehen. Die Hälterungsbecken werden vorbereitet und die Hamburger Studenten, die unser Stammlabor belegen, übergeben vor ihrer Abreise noch spannendes Material an uns weiter. Darunter einiges, was ich bisher zumindest auf Helgoland noch nicht im Labor hatte, z.B. Sepien, Pferdeaktinien und eine Seenadel. Wer wann welches Referat halten soll wird lose festgehalten.

Seenadel

Um 18:00 Uhr gibt es Abendessen in der Jugendherberge. Wir kredenzen Reis mit Geschnetzeltem- und Gemüsesoße und klauen etwas von dem interessanten Eiersalat der anderen Jugendherbergsgäste (das geht in Ordnung, die klauen noch viel mehr!). Während das Ungeheuer Teeexperimente durchführt, stellen sich andere ihren Ängsten vor reudigen Tierpräparaten oder den Weiten des Weltalls, was besonders Neurologen sehr spannend finden.

Die Nachspielzeit im Labor verbringe ich mit der mich fesselnden Recherche nach der Geologie von Helgoland. Ich hatte darüber vor 4 Jahren an selber Stelle ein Referat gehalten und da dieses wichtige Thema sonst nicht vergeben wurde, wollte ich das spontan wieder anbieten. Interessierte finden die Powerpoint dazu hier.

Ansonsten ist man Allgemein recht fertig. Außer dem geschäftigen Bearbeiten des bereits vorhandenen Materials werden diverse Videos aus den Tiefen des Internets hervorgeholt. Da sie so genial waren, möchte ich sie euch hier verlinken.

Das folgende passt auch sehr gut zu den Allgemein während der Exkursion getroffenen Schlussfolgerungen über die Natur: Insbesondere zum Thema des konventionellen Anbaus von Windkraftanlagen, da zur Ernte hin und wieder domestizierte Verwandte dieser selten werdenden Naturwunder eingesetzt werden:

So. Das war alles, was es zum Tag der großen Ankunft auf der Insel zu erzählen gab – zumindest was mein eigenes Tagebuch hergibt. Ich hoffe, es hat euch gefallen. Ich hoffe ich habe euch nicht mit zu viel Fremd-Youtube-Material gelangweilt. Aber es war episch und darf hier nicht fehlen.

Vielen Dank fürs Weiterlesen! Bald geht es weiter!

Euer Tinschen